Spiesser

Liebe Langenthaler Mitleser*innen, der Februar ist vergangen und bekanntermassen ist er ein kurzer Monat...so kurz, dass ich es nicht auf die Reihe gekriegt habe, einen neuen Text für euch Schnuckels zu schreiben... Blöd, aber was will man machen.

Nun habe ich aber zum Glück ja noch ein paar Texte in meinem Buchstabenköcher und da die Poetryslambühnen derzeit verwaist sind, erlaube ich mir, euch hier mit einem Slamtext zu beglücken. Dieser dreht sich für einmal halt nicht um unser beschauliches Städtli, aber vielleicht erkennt sich ja der/die Eine darin wieder.

Ich hoffe, ihr habt ein wenig Spass daran und verzeiht mir meinen Müssiggang.

Spiesser

Ich muss euch etwas gestehen…

Ich…Ich bin ein Spiesser!

Jetzt denkt ihr vielleicht, das sei nicht schlimm oder sogar, dass dies doch grundsätzlich ein positiver Wesenszug sei…doch ihr unterschätzt die Gefahr gewaltig!

Ich wusste, dass ich Hilfe benötige, in dem Moment, als ich an einem warmen Freitagabend den Kühlschrank öffnete und ein alkoholfreies Bier in meinen kalten, toten Händen hielt.

Aber da war es ja schon fast zu spät! Rückblickend betrachtet, kann ich den Beginn meiner Spiesserhaftigkeit gar nicht mehr so genau eruieren.

Es hat sich langsam angeschlichen, ich bemerkte es erst gar nicht…

Erstmals ahnte ich, dass etwas nicht stimmt, als an einem Samstagmorgen um halb Sieben in der früh, ich las gerade den Blick und schlürfte meinen Kaffee, ein Gedankenblitz meine Neuronen überflutete und sich in meiner grauen Masse zwischen den Ohren festsetzte.

Ich muss unbedingt den Rasen mähen!

Jetzt!

Sofort!

Also nach draussen gerannt, den guten Husqvarna 2PS Schnittmaster3000 gestartet und losgelegt.

Allerdings hatte der liebe Nachbar echt übersensibel darauf reagiert…Ich kann ja nix dafür, dass ich selbst keinen Rasen habe…Manche Leute, ey…

Also liess ich mein gesamtes bisheriges Leben hinter mir, schmiss alles hin! Ich brauchte einen Garten und einen eigenen Husqvarna Schnittmaster 3000 oder besser noch, die 4000er Modellreihe!

Und einen Stihlkalender, auf denen pralle Mädels mit wenig Klamotten Motorsägen präsentieren! Sowas wie der Pirellikalender des kleinen Mannes!

Gesagt getan, unwissend, dass dies nur der Anfang war. Kaum besass ich mein eigenes Stück edlen Grüns, welches ich hegte und pflegte und mit Wasserwaage und Nagelschere bearbeitete, brauchte ich mehr.

Also sass ich eines schönen Samstages um halb Sieben in der Küche, las den Blick, schlürfte meinen Kaffee und dachte mir: „Ich muss den Rasen mähen und dann das Auto waschen gehen!“ Nun, zumindest hatte ich ja schon mein eigenes Auto, was immerhin Probleme mit dem Nachbarn ausschloss.

Doch auch damit nicht genug, es wurde immer schlimmer, ich brauchte immer noch mehr.

Plötzlich fuhr ich mit meinem frisch gewaschenen Auto an Gartenausstellungen und Orchideenzüchtertreffen.

Ich begann Hemden zu tragen, bei denen der eine Knopf auf Bauchnabelhöhe immer offen ist, fuhr linksblinkend in Kreisel rein und lud Freunde zu Kaffee und Kuchen am Sonntagnachmittag ein, um ihnen bei der Gelegenheit meinen exakt geschnittenen Rasen zu zeigen, während mein Besuch langsam am veganen Schokokuchen erstickte.

Den Radiosender stellte ich zuerst von DRS3 auf 1 um, und ja, ich weigere mich SRF zu sagen, um kurze Zeit später aufs 2 zu wechseln. Diese wunderbaren geschmeidigen Stimmen, welche eine solche genüssliche Ruhe ausstrahlen… und ich rede hier von den Morgenmoderatoren.

Ganz ehrlich, wenn mir so eine Stimme des Morgengrauens den Beginn des dritten Weltkriegs verkündet, ist das immer noch weitaus angenehmer als das pseudowitzige Herumgeschreihe der Mikrofonquäler der anderen Sendestationen, welche mir kundtun, dass es draussen noch Dunkel sei und ich doch besser wieder ins Bett gehen soll, weil der Morgen ja Blei im Arsch habe!

Haha, nein, was seid ihr doch für Klamaukkanonen; ihr seid so witzig wie Haare im Abfluss, ein überfahrenes Reh, oder ein Taschentuch, das eurem Nieser nicht standhält, während ihr im Coop an der Kasse steht oder ein überfahrenes Reh im Abfluss, das euch Haare in den Nacken niest!

*durchatmen*

Während meine Freunde meinen gesellschaftlichen Abstieg nicht mehr ertrugen und sich von mir abwandten, fiel ich immer tiefer in die Spiesserei.

Ich verwendete auf einmal Wörter und Satzfragmente wie

„Notabene“

„By the way“

oder

„per se“

oder noch schlimmer ich benutzte

„zum Bleistift“

oder

„an und Pfirsich“…

Ich freute mich auf den Abwasch, weil ich so gespannt war auf das neue Reinigungsprodukt, welches ich mir, von Endorphinen überrannt, gekauft hatte. Schliesslich hatte es Wassermelonen/Minze Aroma!!

Auf einmal hatte ich einen Kalender, in welchen ich Termine eintrug.

18. April Rasenmähertraktorenmesse

11. Mai Abgabetermin Steuererklärung

12. Mai Eurovision Song Contest

20. Mai Liefertermin des John Deer Rasenmähertraktor

Und zieht euch das rein:

Auf einmal hatte ich eine dritte Säule, ich weiss bis heute nicht, wie das passieren konnte, sie war auf einmal einfach da und sagte zu mir mit einer Stimme welche sonst nur Heiligenerscheinungen gegeben ist:

„Ich bin deine Sicherheit im Alter!“

Wenige Jahre zuvor noch, war meine grösste Sicherheit die feste Überzeugung, dass ich, wenn ich in der Altersarmut lande (so mit 35 oder so…), Heroinschmuggler für ein weltweit operierendes Drogenkartell werde. Das oder Roadie für die Rolling Stones…

Ich begann skandinavische Arthouse Filme, in denen in zweieinhalb Stunden nur ein einziges Wort gesprochen wird, zu schauen. (Es lautet: „TOD“, mit so einem Querbalken im „o“).

Ok, das ist zwar eigentlich recht cool…

Dass ich nun hier stehe und euch dies alles erzähle, ist Teil meiner Therapie, genauso wie ich mich bei all den Leuten persönlich entschuldigen gehen muss, denen ich Gutscheine zum Geburtstag geschenkt habe.

Ja, es ist schwierig und ich werde den Rest meines Lebens ein Spiesser sein, aber ich gebe mein Bestes, um nie wieder den Schrecken eines alkoholfreien Bieres erleben zu müssen; Versprochen!

GertezwärgSarah Mae @graystreet
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