Herr Freudis Gespür für Schnee

Ich wache auf...noch bevor mein Wecker klingelt - schlimm genug - mache eine Bewegung, die Hüfte schmerzt. Dabei habe ich doch gestern weder exzessiv gehulahoopt noch den Nachmittag auf meiner Couch verbracht, nur um am Abend zu merken, dass ich die ganze Zeit auf der Fernbedienung gelegen habe.

Was also ist denn bitte los?

Ich wälze mich aus dem Bett; oh, unter der Decke wars so schön mollig warm, öffne die Fensterläden...Ah ja, da war ja was... Schnee, nicht so ein Schäumchen, wie wir es in den letzten Jahren bestenfalls mal hatten, nein, so richtig ordentlich Schnee.

Ich vergesse immer, dass ich nun mittlerweile in dem Alter bin, in dem ich Schnee fühle.
In meiner Hüfte.
Mist.

@masiworkLangenthal, Januar 2021

Gerade fährt der Schneepflug durch.
Schön: Die Strassen werden gerade von der weissen Pracht befreit.
Weniger schön: Mein Auto wird gerade von der weissen Pracht zugeschüttet.

Ich humple in voller Grazie die Treppe herunter, mache mir einen Kaffee.
Eigentlich will ich mich aufregen, Winter ist nicht meins und Schnee bedeutet schwierige Strassenverhältnisse, Stau und der Arbeitsweg dauert um einiges länger.
Ich nippe an meinem Kaffee, halte mir die Hüfte, eigentlich will ich mich nerven, Schnee macht vieles schwieriger, bedeutet Umstände und schlimmstenfalls nasse Socken.
Ich schaue aus dem Fenster, eigentlich gurkt es mich total an.
Eigentlich...

Aber irgendwie tut es das alles nicht, ich sehe die Winterlandschaft vor meinem Fenster, die Welt wirkt ein wenig gedämpft, äs birebitzeli weniger schnell als sonst und etliches leiser wie gewohnt.

Nachbars Moudi tapst durch den Neuschnee, er traut der Sache nicht besonders; geht mir genauso, aber Danke, begutachtest du die Sache schon mal für mich.

Ich kann mich nicht daran erinnern, wann wir hier unten das letzte Mal so viel Schnee hatten, aber ich weiss, dass dies in meiner Kindheit normal war, vielleicht war die aktuelle Menge sogar eher unterdurchschnittlich.

Langenthaler Kinder im Schnee 1984

Ich denke daran, dass ich beim Durchstöbern des Langenthaler Stadtarchivs vor ein paar Monaten etwas über starke Schneefälle gelesen habe und dass ich darüber einen Text schreiben wollte. *

Ein Gefühl, das irgendwoher kommt - keine Ahnung ob aus irgendwelchen Gehirnwindungen die seit Jahren auf Standby waren und nur auf ihren Moment gewartet haben oder aus den tiefen meines Bauches - ein Gefühl kommt hoch (oder eben runter) welches mich ans Schlitteln an Nachbars Hoger erinnert, an Schneeballschlachten, "gwäsche wärde" auf dem Schulweg von den älteren Jahrgängen und von gebauten Iglus und Dutzenden von Schneemännern, die sich gefühlt Monate lang gehalten haben und erst verschwanden wenn die Schneeglöggli spriessten.

Sentimentalität mischt sich mit Melancholie und übertüncht die stechende Hüfte.

In meinem Kopf erklingt die Stimme meines 10-jährigen Ichs und spricht mir ins Gewissen. Danke, junger Freudi, hör ich mich sagen, ziehe mich warm an, stampfe an meiner Schneeschaufel vorbei und mache das, was wirklich wichtig ist.

Für einen kurzen Moment ist die Welt wieder in Ordnung und der junge (und ausgesprochen weise) Freudi und ich bauen einen Schneemann.

*Leider hab ich es nicht geschafft diese Aufzeichnungen elegant in meinen Text fliessen zu lassen. Vorenthalten möchte ich euch diese allerdings auch nicht, deshalb hier ein kleiner Auszug aus der Stadtchronik:

Marktgasse Langenthal, Dezember 1980
Marktgasse Langenthal, Dezember 1980

Januar 1985
Weitere Schneefälle bei eisigen Nordwestwinden mit Temperaturen von -20 Grad. Gas und Wasserleitungen bersten, Fahrleitungen reissen.

oder vom Februar 1986
Langandauernde Schneefälle und Eisregen lähmen den öffentlichen Verkehr. Der Werkhof führt seit Tagen mit 22 Gemeindearbeitern, 5 Schneefräsen, 3 Pneuladern, 18 Lastwagen, 1 Stapler, Motorpflügen, Schleudern und Schaufeln einen wahren Sisiphuskampf gegen die weissen Massen. Zahlreiche Bewohner tätigen ihre Einkäufe im Dorf auf Skiern.

Jägerweg Langenthal Januar 1981
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