Eigentlich. Mein Fasnachts-Motto 2021.

Eigentlich sollte schon lange der Düudäpp neben dem Choufhüsi stehen. Eigentlich wäre das James dekoriert – und offen! Eigentlich wären wir jetzt alle dran, unseren Kostümen den letzten Schliff zu geben. Eigentlich würden die Guggen-Chats bereits explodieren. Eigentlich würde ich eine kleine, feine Gönner-Plakette an der Jacke tragen – statt eines farbigen Pins.
Eigentlich.
Aber dieses Jahr ist alles anders.

Eröffnung Langenthaler Fasnacht @LFG

Rückblende in den Februar 2020. Unvergessen dieser Moment am Freitagnachmittag im Bären-Saal. Mucksmäuschenstill. Dann die Worte von LFG- und Stadt-Vertretern, sogar vom Regierungsstatthalter. Und das Glitzern von Tränen in den Augen gestandener Männer. Hätten sie damals schon gewusst, dass wir ein Jahr später komplett auf die Fasnacht verzichten müssen, hätten sie wohl laut raus geheult. So wie es uns allen – bzw. den Fasnächtler*innen unter uns – heute zumute ist.

Seit einem Jahr leben wir in einer Ausnahmesituation und ja, es gibt natürlich grössere Sorgen, Probleme und Herausforderungen rund um Corona. Aber gebt uns Fasnächtlerinnen und Fasnächtlern diesen kleinen Moment, um zu jammern und traurig zu sein. Denn das Fehlen der Fasnacht tut weh.

Gerade jetzt hätten wir es so richtig nötig – das Ausbrechen aus dem (Corona-)Alltag, das Abtauchen in fünf unbekümmerte, sorgenfreie, fröhliche Tage. Das Zusammensein mit Freunden, musizieren, tanzen, lachen, feiern. All die unerwarteten Begegnungen, die alten Kollegen, die man immer nur an der Fasnacht trifft. Der gestörte Schlafrhythmus, das ungesunde, aber feine Essen, der Treffpunkt beim Felber-Stand. Die Münzezwätschge, die in kalten Nächten wärmen. Der Umzug am Sonntagnachmittag – von den Aktiven verhasst, von den Passiven getrost verschlafen, von den Langenthaler*innen jedes Jahr treu besucht, ein Stück Langenthaler Kultur. Die Lieblingslieder von den Lieblingsguggenmusiken (@Extrem-Gurgler, @Megadüdler 😊), die Schnitzelbänke mit ihren pointierten Jahresrückblicken, die LFGler Tag und Nacht gelb-blau unterwegs, der Stapi, der sich unter das feiernde Volk mischt, der Schnitzelpunk, der fehlt, Fatal Roial, die begeistern, der einladende Wagen der Fischerfründe. Nächte mit wenig Schlaf, aber unvergesslichen Momenten. Die Wohnung voller Konfetti und leeren Flaschen. Das Büro, die Mails, die Sorgen – weit weg und unwichtig.

Schnitzelpunk @LFG

Eigentlich wäre ich am Freitagnachmittag irgendwann ins – vollgestopfte – James gestolpert. Ein grosses Halloo, Müntschi hier, Müntschi da, Kostüme begutachten, die Dekoration studieren, das erste Münzezwätschge geniessen. Und dann – sich einfach treiben lassen und ganz gemütlich reinstarten in die kommenden Tage. Am Samstag geht’s so richtig los – der Sternmarsch, von allen Seiten ertönen Guggenklänge, vor dem Choufhüsi versammeln sich Eltern mit ihren Kindern, die Fische fangen oder auch einfach nur Konfetti herumwerfen wollen. 14.01 Uhr: offizielle Fasnachts-Eröffnung, die Gemeinderäte gehen in die Luft, der Stadtpräsident übergibt das Dorf dem Fasnachts-Ober, später stossen sie in der Beiz zünftig darauf an. Die Fasnächtler*innen übernehmen das Zepter. Am Abend die grosse Party, das Guggen-Spektakel – oder für mich immer noch «Monsterkonzert» – in der Märitgasse. Es war immer ein besonderes Erlebnis, wenn man als kleine Rhythmus-Hexe von der Bühne auf die vielen Menschen blickt. Ein Magic Moment, wie es ihn in diesen Tagen immer mal wieder gibt, ein kleiner Moment der Glückseligkeit, der unbändigen Freude, in diesem Moment, genauso, genau hier, genau mit diesen Guggegspänli zusammen zu sein.

Monsterkonzert / Guggen-Spektakel Fasnacht Langenthal
Monsterkonzert / Guggen-Spektakel Fasnacht Langenthal @LFG

Sonntag, 14.14 Uhr, ein Knall und der Umzug startet. Ob er wohl 2 oder 3 oder 4 Stunden dauern wird? Ob wohl wieder einmal ein übergrosser Wagen in der Stadthof-Kurve stecken bleibt? Nach dem Umzug ist «tout Langenthal» noch im Dorf, auf Kaffee und Kuchen im à la cArte, auf einen Apéro im Bären, draussen wippend zu den Guggenmusiken. Die Fasnachtsstimmung wird ausgekostet, auch von denen, für die am Sonntagabend die Fasnacht schon wieder Geschichte ist: «Schön ischs gsy, gäu, Ätti?». Für alle anderen geht es erst richtig los. Sonntagabend, einer der besten Abende. Viele geniessen ihn lachend und schenkelklopfend am Schnitzelbankrundkurs oder in der Gugge beim ausgiebigen Nachtessen, bevor es dann auf die Gasse geht. Einer der schönsten Abende, weil dann Guggenmusiken und eingefleischte Fasnächtler unter sich sind. Dann gibt es die nächsten Magic Moments, in der Bahnhofstrasse zwischen Kuoni und James, wenn drei Guggenmusiken abwechselnd spielen. Über den Köpfen die klare Nacht, in der Ohren Guggenklänge und in der Dunkelheit leuchtende farbige Kostüme…Magic. Der einzigartige Sonntagabend dauert oft bis in den Montagmorgen, der Kinderumzug ist nicht für alle ein Pflichtanlass, zum Glück.

Kinderfasnacht Langenthal
Kinderfasnacht Langenthal @LFG

Irgendwann trifft man sich doch wieder zum Apero, taucht wieder ein in Drums, Drinks und Drama. Zieht durch die Gassen, hockt in eine Beiz, beobachtet, plaudert und philosophiert und lässt sich in den Abend treiben. Der Montagabend, zu dem der traditionelle Kehrausball im Hotel Bären gehört. Schon fast geht es ein bisschen dem Ende zu, darum – noch einmal ausgelassen feiern, tanzen zu.
Nach Feierabend: Treffpunkt beim Felber, noch ein Thonbrötli und dann auf die Suche nach einem noch geöffneten Lokal. Ein wehmütiger Gedanke an den Blächsuger-Chäuer, an endlose Nächte, bis das Daylight irgendwann durch die Türritzen hineinspienzlete. Am Dienstag ein bisschen ausschlafen, ein gemütliches Einsteigen in den Tag und ins leicht lädierte Kostüm, späte Schminktermine, die wieder einmal ein warmes Essen möglich machen und wenn es auch nur ein Yildrims Kebap auf dem Weg in die Markthalle ist. Das Charivari – zugegeben, früher, als es noch spät am Abend stattgefunden hat, und die letzte Guggenmusik schier nicht mehr zu spielen aufhören wollte, wie wenn die Fasnacht mit den letzten Tönen enden würde, dann waren die Magic Moments noch etwas intensiver. Aber auch heute noch ist die Stimmung, wenn die Aktiven (und ein paar wenige Passive) unter sich sind, sich gegenseitig vorspielen und gemeinsam feiern, einzigartig. Noch einmal zusammen sein, noch einmal dumm schnurre, noch einmal musizieren, mitsingen, tanzen und gässle – und das Ende herauszögern, so lange es geht. Denn wenn man am Dienstag bzw. am Mittwochmorgen nach Hause trottet, dann ist sie vorbei, die Fasnacht. Dann erwartet dich das schwarze Loch, diese Zwischenwelt zwischen 5 Tagen Ausgelassenheit und der langsamen Rückkehr in den (Corona-)Alltag. Nun, dieser unschöne Teil bleibt uns dieses Jahr erspart. Aber wir hätten ihn gerne erlebt. Wahrscheinlich hätten wir ihn sogar genossen, in diesem Jahr.

Eigentlich hätten wir uns sogar auf diesen gefreut. Eigentlich.

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